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Donnerstag, 10. Oktober 2019, 21:45

[Palazzo Sessa] Die klandestine Opposition

Am späten Abend versammelten sich in einem römischen Palazzo einige Kirchenfürsten aus der Heiligen Stadt, die ein gemeinsames Anliegen und eine gemeinsame Sorge teilten. Es handelte sich bei dem Anwesen um den Sitz des derzeitigen Kardinalbischofs von Albano, Gerardo da Sessa, der sie eingeladen hatte und wohl als ihr informelles Oberhaupt gelten konnte.


Gerado da Sessa, Kardinalbischof von Albano

Gerardo hatte einst eine glänzende Karriere in der Kirche zurückgelegt und mittlerweile als vermögender Kardinalbischof deren Höhepunkt erreicht. Solche Positionen im Zeitalter der Pornokratie zu erlangen war kein Zufall. Er war lange Zeit ein rücksichtsloser Machtpolitker und fühlte sich an seine klerikalen Gelübde ebenso wenig gebunden wie viele seiner römischen Mitbrüder und der aktuelle Papst Ioannes. Der mittlerweile über 90 Jährige Mann hatte in den letzten Jahren jedoch vermehrt mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und nun, da er – auf dem Höhepunkt angekommen – eher auf dem Weg ins Grab war denn irgendwo anders hin, erfasste ihn eine gwisse Furcht als auch Ehrfurcht, was wohl am Ende seines Lebens mit ihm und vor allem seiner Seele passieren würde. Vorbei war die Rücksichtslosigkeit und Heuchelei seines bisherigen Lebens. Äußerlich einer der größten Nutznießer der Pornokratie, wandelte sich der Kardinalbischof zu einem innerlich frommeren Mann, den man jetzt wohl als den Führer der Fraktion im Heiligen Kollegium bezeichenen könnte, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, eine überfällige Reform der Kirche anzustoßen und sich aus dem Griff korrupter Adelsfamilien zu befreien. Diese Fraktion war zwar nicht groß, war doch die Korruption und die Furcht vor der Familie Spoleto weit verbreitet, aber es war ein Hoffnungsschimmer in dieser Zeit. Die Geschichte da Sessas war wie diejenige des Saulus, der sich endlich zum Paulus gewandelt hatte. Am heutigen Abend saß er mit zwei seiner engsten Vertrauten im Kardinalsstand zusammen: Pietro Tomacelli, dem Kardinalpriester von Sanctae Anastasiae und dem Kardinaldiakon Paolo Savelli von Sanctae Mariae Scalaris. Die neuesten Ereignisse erschütterten die hohen Herren, die eine gemeinsame Linie gegen das Spoleto Papsttum einte. Alberich von Spoleto hatte doch tatsächlich den Lateran umstellen lassen und ferner verfügt, dass ohne seine Erlaubnis kein Kardinal die Stadt verlassen möge.

"Meine Brüder", sprach da Sessa mit ernster Stimme, während er zusammen mit seinen Mitstreitern im Dunkeln an einem nur durch Kerzen illuminierten Tisch in seiner prunkvollen Residenz saß, in dessen Mitte ein großes Kruzifix mit einem sichtbar leidenden Herren stand. "Die Lage wird immer ernster: Di Castello hat wohl die Nerven verloren. Gerüchten zufolge hat er vor seiner übereilten Flucht nicht nur Bischof Sebastiano unter Ausnutzung seiner Privilegien aus dem Arrest befreien und mit ihm aus Rom fliehen können, sondern ebenso König Otto um eine direkte Intervention gebeten." Da Sessa hielt kurz inne. Als Mann, der soviele Jahre als Kardinal in Rom verbracht hatte, kannte er sich aus und hatte seine Quellen, denen er vertraute. "Spoleto muss irgendwie Wind davon bekommen haben und wird uns jetzt nur noch gefährlicher werden." Auch wenn di Castello ein geschätzter Mitstreiter war, war diese Aktion doch zu voreilig und könnte sie nun alle in den Abgrund stürzen. Dem Kardinalbischof von Albano wäre es lieber gewesen, die weitere Entwicklung ruhig abzuwarten, statt übereilt zu agieren, aber nun ist es eben so gekommen. Alle Teilnehmer wirkten ob dieser Neuigkeiten mehr als bedrückt, ihr Leben konnte davon abhängen, war der Familie Spoelto doch alles zuzutrauen.


Pietro Tomacelli, Kardinalpriester von Sanctae Anastasiae

Sodann sprach Kardinalpriester Tomacelli: "Die Kardinäle und Bischöfe an der Ausreise zu hindern ist ein Skandal! Man fürchtet sich wohl im Hause Alberich Spoleto. Sind die Bulgaren gar eine größere Bedrohung als wir dachten und als man uns weismachen will? Meinen Informationen zufolge sind die Garnisonen im Norden nicht mehr so zahlreich besetzt wie zu früheren Zeiten. Bedenkt, Brüder, die jüngsten Ereignisse: Die Krieg der Griechen gegen Otto, dann gegen die Muslime, ihre Niederlage und Reparationen, die Stationierungen in Alemannien und dann noch die jüngste Explosion im Kaiserpalast. Nun befinden sich die Griechen auch noch in einem offenen Krieg mit diesen wilden Bulgaren. Mir scheint als hätten sie sich übernommen und als wäre Alberich nah an der Verzweiflung." Man vernahm einige Zustimmung, gepaart mit sichtbarer Besorgnis.


Paolo Savelli, Kardinaldiakon von Sanctae Mariae Scalaris

"Verzweifelte Männer können sehr gefährlich werden", entäußerte dann Kardinaldiakon Savelli. "So wie ich ihn kenne werden die Spoleto, sollten sie dem Abgrund ins Gesicht blicken und untergehen, uns alle mit in denselben Abgrund reißen wollen. Durch diese skandalösen Ausgangssperren werden sie sich weiter unbeliebt machen. Wir können doch nicht einfach hier warten bis der bulgarische Schlächter kommt oder aber der Henker aus dem Hause Spoleto. Was ist denn wenn die Griechen auch diesen Krieg an der Hauptfront verlieren? Dann werden die Bulgaren so soder so kommen!" Eine für alle wohl grausige Vorstellungen.

"Gerüchten zufolge soll man die Basilika in Aquileia mitsamt den Gläubigen in Brand gesetzt haben. Den Generalvikar hat man wohl gar hemmungslos im Blutrausch den Schädel eingeschlagen", meinte Tomacelli erschüttert und bekreuzigte sich. "Brüder", sprach sodann wieder da Sessa. "So oder so sind nun Dinge ins Laufen geraten, die sich nicht mehr aufhalten lassen. Früher oder später werde wir und unser nobles Anliegen enttarnt werden. Noch können wir vielleicht in publico als Anhänger Spoletos durchgehen, aber umso verzweifelter und paranoider Alberich wird, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass er wirklich auch etwas findet. Wir sollten Rom umgehend verlassen. Aus vielen Gründen ist es hier nicht mehr sicher für uns. Ich schlage vor, dass wir uns für einige Zeit nach Westfranken begeben und von dor aus abwarten, wie sich alles Weitere entwickelt." Immerhin waren sie ja noch Kardinäle und hatten sich bisher nichts zu Schulden kommen lassen. Sollte die Lage sich wieder entspannen, könnte man zurückkehren. "Doch müssen wir an Spoleto und seinen Wachen vorbei. Das aber, Brüder, lasst meine Sorge sein." Da Sessa kannte Rom nun schon seit Jahrzehnten und aus seinen wilderen Tagen, in denen er Bordelle und andere Etablissements der römischen Unterwelt frequentierte, hatte er noch so einige Verbindungen und Erinnerungen, die jetzt nützlich werden könnten. "Möge Gott mit uns sein!"